OKEY Test: Allzeit Bereit

Das brandneue Sakral-Keyboard Johannus ONE im Expertentest von Hans-Dieter Karras.

Das ist neu: Global Player Johannus mit seinem hohen Anspruch an Instrumente und Qualität, steigt in die „Niederungen“ der Sakralkeyboard-Klasse hinab. Aber im Gegenteil - man macht das Sakralkeyboard doch kurzerhand zu einer Johannus Orgel vom Feinsten und steuert auch noch Instrumental- und Orchesterklänge hinzu. Das ultimative Sakralkeyboard? Wir haben das ONE gespielt.

Dass der Schritt zu einem eigenen Sakralkeyboard für Johannus offenbar richtig war und auch gelungen ist, beweisen die erfreulich hohen Startverkaufszahlen und positive Berichte von ONE-Usern im Internet. Und mit einem haben die Johannus Mitarbeiter selbst gar nicht gerechnet: Besonders in Holland haben leidenschaftlichen Orgelspieler das transportable Instrument bereits als perfektes Utensil für ihren Urlaub im Wohnwagen entdeckt. Endlich kann man auch im Urlaub Orgel mit den geliebten Johannus-Klängen spielen, so war der Response an die Firma. Und ich schließe mich an, nach dem ersten Spiel und Hören, bin ich wirklich begeistert von der Qualität der Orgelstimmen, der einfachen und logischen Bedienung und den Möglichkeiten des Zusammenspiels mit Instrumental- und Orchesterstimmen. Auch das Aussehen und die Verarbeitung sprechen mich an. Das Keyboard ist wesentlich robuster, als Instrumente dieser Art, die wir aus der Vergangenheit kennen. Auch die Tastatur von Fatar ist zumindest für das Orgelspiel sehr gut, für das virtuose Klavierspiel allerdings etwas zu wenig gewichtet. Dennoch bietet sie ein ansprechendes Spielgefühl, und mit einem Sakralkeyboard wird man weniger mit Chopin‘schen und Liszt‘schen virtuosen Eskapaden brillieren wollen. Dazu nimmt man dann doch lieber ein Digitalpiano der besseren Sorte.

Instrumental- und Orchesterstimmen

Die Piano-Sounds des ONE sind dabei durchaus sehr hochwertig und mit einer Länge von bis zu 15 Sekunden pro Sample aufgenommen. Das hört man auch, und es macht den Klavierklang sehr lebendig. Die Piano-Sounds des ONE werden ihren Einsatz wohl vor allem bei Liedbegleitungen von neuem geistlichen Liedgut oder Gospel- und Spiritual-Arrangements finden, bzw. auch bei ein wenig Jazz und Pop. Und für die heutigen Wünsche bei Trauungen, meist zur pianistischen Begleitung von Sängerinnen und Sängern sind sie ebenso bestens geeignet. Leider lassen sich weder die Klavier- noch die Cembalostimmen mit den Orgelregistern vermischen. Das hätte ich doch erwartet und gut gefunden, wäre es doch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal gewesen. Ich persönlich habe viele Konzerte mit Werken, ja auch Originalwerken für Klavier und Orgel gegeben und finde die Mischung klanglich sehr spannend. Und das hatte auch schon der französische Meisterorganist des 20. Jahrhunderts, Marcel Dupré erkannt und sowohl Werke für Orgel und Klavier komponiert, als auch die Orchesterpartien von Klavierkonzerten auf der Orgel gespielt und damit seine Tochter begleitet. Zahlreiche Konzerte gaben die beiden so zusammen in den USA, wo diese Besetzung populär und die Gegebenheit, eine Orgel und einen Flügel in einem Konzertraum bzw. einer Kirche zu haben, relativ häufig ist. Warum ich das schreibe? Nun ja, ich finde die Verbindung von Orgel- und Klavierklang, die so gegensätzlich erscheinen und es auch sind, ausgesprochen anregend und interessant. Und ich hätte mir gewünscht, das mit diesem Keyboard etwas mehr live ausleben zu können.

Das ONE bietet übrigens einen hochwertigen Mehrspur-Rekorder auf Audio-Basis (einen MIDI-Rekorder gibt es nicht), mit dem man sein Spiel im WAV-Format (48 kHz, 32-Bit-Floating) auf einen USB-Stick aufnehmen kann. Die Aufnahmen lassen sich natürlich auch über das ONE abspielen und dann samt eigenem Spiel wieder neu aufnehmen. Das kann man dann so weiter treiben und auf diese Weise auch Mehrfachplaybacks erstellen. Man kann so z.B. eine Spur mit dem Klavier aufnehmen und dann mit der Orgel drüberspielen, das Ergebnis wieder aufnehmen und dann auch noch eine orchestrale Begleitungen hinzufügen, usw. Man sieht, hier bekommt man für einen wirklich guten Preis sogar eine Workstation.

Insbesondere Kirchenmusiker sollten diese Möglichkeiten des ONE besonders betrachten und für ihre Arbeit in Erwägung ziehen. Man kann wirklich umfangreiche Arrangements erstellen und sie dann zum Chor oder Solisten „abfeuern“ und auch noch einen weiteren Part live dazu spielen.

Auch die vier Cembalostimmen gehen in Ordnung, man hat 8‘ – 4‘ – 8‘+4‘ zusammen und 8‘ Lautenzug. Ein zweiter 8‘ (Nasal) wäre schön gewesen. Beim Test fehlte mir außerdem das Rückfallgeräusch des Kieles beim Loslassen der Tasten und monierte das. Aber wir sind ja bei Profis zu Gast, schon am nächsten Tag erhielt ich ein Video und man hatte diesen für die Natürlichkeit des Cembaloklanges notwendige Erweiterung gefunden. Allerdings lässt sich wie gesagt das Cembalo nicht mit Orgelregistern kombinieren, was ich schade finde, da man beim Continuospiel durchaus gerne mal beide Instrumente kombinieren würde. Da hilft einem auch nicht der Audiorekorder nicht weiter, weil man dann nicht flexibel auf Agogik oder Tempoänderungen reagieren kann.

Bleiben wir ruhig bei den Instrumentalstimmen, denn diese sind brauchbar bis sehr gut. Schön sind bei den Blechinstrumenten die durch Tastendruck unterschiedlichen Artikulationen, mal ein hauchendes Anblasgeräusch ohne klaren Ton bei Trompete oder Posaune, bei stärkerem Anschlag dann ein klarer Ton bis hin zum Sforzato. Oder beim Horn ein sehr sanfter Ton, wenn man die Taste nur leicht anspielt, bzw. ein markanter Ton bei starkem Tastenanschlag. Besonders eindrucksvoll ist das Klangverhalten auch bei den Holzbläsern, insbesondere bei der Klarinette und beim Saxofon. Hier unterscheiden sich die Töne stark durch das anschlagdynamische Verhalten der Tastatur. Man kann sehr lebendige und dynamische Soli spielen, was besonders die Jazzer unter uns freuen dürfte. Gefallen hat mir auch die Barocktrompete, also die Piccolotrompete oder Bach-Trompete, mit der man wunderbar authentisch Barockmusik für Trompete und Orgel spielen kann. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass die Authentizität des Klanges so perfekt ist, dass, wenn man auf einer Empore versteckt spielt, man das Honorar für Trompeter (meist hoch) und Organist (meist niedrig) in Personalunion einstreichen sollte.

Auch die Violine überzeugt mit scharfen Strich und holzigem Klang. Es gibt derer zwei, eine etwas mehr spiccato spielend und eine mehr für das normale Spiel geeignet, leider aber keine für längere Legatotöne. Das betrifft umgekehrt auch die Oboe, die sehr schön klingt und sanft das Vibrato zum Ton hinzukommen lässt, aber es fehlt eine zweite Oboe, mehr gestoßen gespielt, für schnelle barocke Passagen. Viola, Bassoon (Fagott) oder Englisch Horn erfüllen die an sie gestellten Erwartungen, wobei das Fagott auch von der Anschlagdynamik und dadurch bedingtem unterschiedlichen Anblasverhalten profitiert. Es gibt noch zahlreiche weitere Klänge, wobei die Streicher eher durchschnittlich sind, das Orchestra schöne Tutti-Effekte zaubern kann, die Chöre brauchbar sind, aber nicht aufhorchen lassen. Sehr nutzbringend dagegen sind Harfe und Celesta, so etwas braucht man durchaus öfters in der kirchenmusikalischen Praxis, zumal sich ein/e Harfenspieler/in meist nur schwer finden und außerdem gut bezahlen lässt und eine Celesta nicht nur schwer zu finden ist, sondern noch viel schwerer beim Transport wiegt. Blues- und Gospelorgan als Hammondorgel-Surrogate gehen absolut in Ordnung, zumal man daran gedacht hat, das Sustainpedal zum Umschalten der Rotationsgeschwindigkeit des Leslies zu nutzen. Super! In der Pedal- oder Basssektion finden sich auch noch ein schöner, hölzerner Acoustic Bass und ebenso ein Fingered Bass (gezupfter Bass), das Basspendant zum Orchestra, die Tuba und Röhrenglocken (Tubular Bells).

Die Orgelstimmen

Kommen wir zum eigentlichen Klangereignis eines Sakralkeyboards, dem was letztlich doch die meisten Orgelspieler interessiert, nämlich der Klang der eigentlichen Orgelregister. Und hier hat man bei Johannus angesetzt, es richtig zu machen und das ONE so im Klang zu einem Bestandteil der Johannus-Produktfamilie zu machen. Und ja: die klangliche Handschrift macht das ONE wirklich zum Missing Link, die kleinste Johannus Orgel. Aber auch hier hat man weitergedacht, es ist eben nicht nur eine einmanualige Orgel mit Johannus Registern, sondern es kann auch als komplette zweimanualige Orgel mit Pedal gespielt werden. Das ONE ermöglicht dazu einen veränderbaren Manual-Split und ein monophones Basssegment, welches auch von einem beliebigen MIDI-Orgelpedal angesteuert werden kann. Es gibt insgesamt 3 Pedalregister, 7 Manualregister für das erste und 6 Manualregister für das 2. Manual. Diese sind als beleuchtete Registerwippen auf dem Keyboard angeordnet. Allerdings entspricht die Gesamtzahl der Register dem Fünffachen der bloßen Wippenanzahl, denn es gibt fünf verschiedene Orgeltypen pro Registerplatz: Default, American, English, French und German. Wobei es sich jeweils um völlig autarke, eigenständige Orgeln des jeweiligen Typus handelt. Deshalb stehen auf den Registerwippen auch nur die Namen des Standard- Instrumentes. Die Registernamen der übrigen Stilistiken sind aber auf dem Bedienfeld ebenfalls mit aufgedruckt. Denn jeder Typus bekommt eine ihm entsprechende eigene Disposition für die 16 Stimmen. Und diese sind meiner Meinung nach in sich auch wirklich stimmig und gut ausgewählt. Unsere hier abgedruckte Dispositionsübersicht zeigt die Details. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Orgelsachverständiger, der viele Orgeln disponiert hat, dass gerade die Erstellung sinnvoller Dispositionen von kleinen Instrumenten die meisten Schwierigkeiten machen. Mittels eines Klang-/LevelDrehreglers kann man den Klang der jeweils genutzten Orgel schärfen oder weicher machen. Das ist sehr praktisch. Alle Samples sind durchweg sehr gut bis hervorragend, was auch durch das benutzte Format gestützt ist (24 Bit linear, 48 KHz, interne Verarbeitung und DSP 32-Bit-Floating). Die Digital-Analog Wandlung (DAC) erfolgt mit den gleichen Werten und der Dynamikbereich ist S/N: 106 Dezibel. Dabei ist die maximale Polyphonie mit einem 320-Stimmen-Oszillator praktisch unbegrenzt.

Sonstige Features

Die Wiedergabe im Instrument selbst erfolgt mit einem eingebauten Verstärker von 2 x 35 W und 2 speziell ausgesuchten Breitbandlautsprechern mit 8,9 cm (3.5 Zoll). Dabei verhelfen eingebaute DSPs im Verstärker (digitale Bassanhebung, Dynamic EQ, Drei-Band-Kompressor) dem ONE schon zu einer ausgesprochen transparenten und kräftigen Wiedergabe nur mit diesem eingebauten Akustiksystem. Selbst der Subbaß 16‘ erhielt damit schon ordentlich Fundament. Hängt man aber einen kleinen Subwoofer dran, reicht es schon zum Spiel in einer Kapelle oder zur Begleitung des Chores. Dann kann man das Spiel weitertreiben und noch zwei hochwertige Satelliten anschließen und bekommt so schon ein Volumen vergleichbar einer mittelgroßen Digitalorgel. Wenn dann noch ein MIDI-Pedal angeschlossen ist, steht auch dem Spiel auf zwei Manualen nichts im Wege. Der Splitpunkt macht das Instrument sehr vielseitig, denn so kann man auch auf einer Hälfte Instrumentalklänge, auch gemischt mit Orgelregistern spielen. Wenn man das geschickt nutzt und spielt zum Beispiel einen normalen vierstimmigen Choralsatz mit einigen Orgelregistern, im Diskantbereich dann vielleicht noch eine Trompete und im Bass(Pedal-)Bereich eine tiefe Stimme, erzeugt man ein schon sehr opulentes Klangbild. Bei geteiltem Spiel wird der (immer monophone) Bass für die tiefste Stimme genutzt und das Manual I automatisch eine Oktave tiefer und das Manual II eine Oktave höher gesetzt. Deshalb auch - neben dem Klavierspiel - die Notwendigkeit eine 76er Tastatur. Die Balance zwischen den Manualen lässt sich dabei über einen Drehregler festlegen. Neben einem MIDI-Orgelpedal können zur Klangsteuerung drei weitere Funktions-Pedale angeschlossen werden, einmal das für den Klavierklang notwendige Sustain-Pedal, welches auch der Umschaltung der Leslie-Geschwindigkeit bei den Hammondorgelklängen dient, dann ein Registercrescendo-Schwellpedal (Walze) und der normale, gewohnte Schweller für das Schwellwerk. Damit lassen sich unglaublich monumentale Effekte erzielen, wenn man mit Orchester- und Orgelklängen zusammen spielt.

Vielleicht ein wenig mager ist dagegen der Setzerbereich bestückt. Bei den vielen Möglichkeiten hätte man sich doch eine üppigere Setzerausstattung gewünscht. Denn 4 x 3 Registerplätze sind recht knapp bemessen, auch wenn diese per USB-Stick speicher- und ladbar sind. Der Umweg bleibt, immer wieder laden zu müssen. Auch fehlt eine Sequenzschaltung vorwärts-rückwärts, welche sinnvollerweise dann auch den USB-Stick mitbenutzen sollte.

Abgerundet wird der Funktionsumfang des Keyboards durch eine 4-fach einstellbare Anschlagsempfindlichkeit, 7 verschiedenen Halltypen, 3 unterschiedlichen Tremulanttypen, 7 historische Temperierungen, eine Feineinstellung des Tuning per Drehregler und einen Transposer mit +6/-6 Halbtönen. Natürlich fehlen die MIDI Anschlüsse IN, OUT und THRU nicht. Dazu gibt es einen Stereo-Audioausgang mit zwei 6,35 mm Klinkenbuchsen (L mono/R) und ein AUX In Stereo-Miniklinke. Je eine USB-Buchse zum Host (MIDI) bzw. für Speichermedien (Stick) runden die Anschlussmöglichkeiten des ONE ab. Erwähnenswert ist natürlich auch, dass das Keyboard Bluetooth-fähig und von entsprechenden Zuspielern (Smartphone, Tablet) als Wiedergabegerät für Musikdateien genutzt werden (Audio Stream).

Als Keyboard soll das ONE natürlich auch transportfreundlich sein. Und mit 14 kg Gesamtgewicht gibt es auch hier nichts zu beanstanden.

Fazit

Wer ein Sakralkeyboard mit herausragenden Orgelklängen, guten Instrumentalstimmen und vielen Features für das Spiel sucht, der wird beim Johannus ONE fündig. Insbesondere aber Kirchenmusikern und Kolleg(inn)en, die an ständig wechselnden Einsatzorten spielen müssen (auch im Urlaub im Hotel oder Wohnwagen natürlich) und als „eierlegende Wollmilchsau“ für alle musikalischen Einsätze in Kirchgemeinden sei dieses Instrument wärmstens empfohlen, zumal es mit einem Preis von 2.195,- ein äußerst faires Preis-Leistungsverhältnis bietet. Also alles richtig gemacht, Johannus!

Hans-Dieter Karras

OKEY Magazine