Sheet music

Ein musikalischer Beitrag - November 2017

Berceuse - Gabriel Fauré (1845-1924)

Das französische Wort „Berceuse“ bedeutet „Wiegenlied“. Nicht ohne Grund bieten wir es Ihnen im dunklen Monat November an, denn nichts ist schöner, als uns an einem dunklen Nachmittag – wenn wir draußen die letzten Blätter von den Bäumen fallen sehen – in einer verträumten Melodie wie dieser zu verlieren.

Viele Komponisten haben eine „Berceuse“ in ihrer Kompositionsliste stehen. Irgendwann einmal wurde sie zu einer eigenständigen Musikform, einschließlich Virtuosität und mit allem Drumherum, nicht so jedoch bei Gabriel Fauré. Solche Effekte sind bei Fauré nie zu finden, aber schon gar nicht in seiner Berceuse. Ein Rezensent schrieb einmal:

„In seinen Kompositionen sucht Fauré nach einem Gleichgewicht zwischen romantischer Empfindsamkeit und strengen Kompositionsregeln, um so einen eigenen Stil zu entwickeln. Melodie und Harmonie (aus dem Gregorianischen) helfen ihm, sein Gefühl für romantische Stimmung und Überfluss zu bezwingen. Seine Musik ist vor allem maßvoll und feinsinnig.“

Die Berceuse wurde erstmals am 14. Februar 1880 bei einem Konzert für Kammermusik, das von der Société Nationale de Musique in Paris organisiert wurde, aufgeführt. Fauré begleitete selbst den belgischen Geiger Ovide Musin auf dem Flügel. Sein neu geschriebenes Klavierquartett hätte der Höhepunkt dieses Konzert werden sollen, aber alle – einschließlich der Rezensionen – sprachen nur von der lieblichen Berceuse. So sehr sogar, dass sie an diesem Abend noch einmal erklingen musste. Zwei Monate später erblickte eine Bearbeitung für Geige und Orchester das Licht der Welt.

Eine Berceuse steht oft in einem 6/8-Takt, so auch dieses Werk. Die ersten 14 Takte mit einem ostinaten Bass, wechselnd zwischen Tonika und Dominante, zuerst in D und später in fis-Moll. Gemeinsam mit den spätromantischen Harmonien (zugefügte 7 und 9) sorgt die prachtvolle Melodie dafür, dass ich davon alles andere als einschlafe, sondern von der ersten bis zur letzten Note durch und durch fasziniert bin.

Im Original stehen so einige „cresc.“- und „decresc.“-Zeichen, diese sind für den Geiger gedacht. Dadurch soll in erster Linie Spannung und Entspannung hervorgerufen werden, sie dienen weniger dem Erreichen von Unterschieden bei der Intensität, daher habe ich sie weggelassen.

Im Hinblick auf die Registrierung gibt es mehrere Möglichkeiten:

Für Begleitung denke ich an einen 8’,

Pedal: 16’ und 8’,

Melodie:

sehr sanfte Zungenstimmen,

streichend praestant,

schöne warme Gamba (eventuell in Kombination mit einem anderen sanften 8’)

Hoffen wir, dass es im November noch sehr viele dunkle Nachmittage geben wird.

Mit musikalischen Grüßen

André van Vliet